Offener Brief an die Abgeordneten der ÖVP zur Änderung des NÖ-Hundehaltegesetzes!

Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete der niederösterreichischen Volkspartei!

Vielen Dank für Ihr Antwortschreiben. Als Bürger und Betroffene möchten wir von unserem Recht Gebrauch machen, auf einige Ungereimtheiten in diesem Schreiben einzugehen und eine Diskussion anzuregen.

Am 24.10.2018 lud FPÖ-Tierschutzlandesrat Gottfried Waldhäusl zu einem Hundesicherheitsgipfel. Bei diesem "Runden Tisch" waren Experten der Tierärztekammer, Tierschutzombudsstelle, Öst. Kynologenverband, Öst. Hundehalterverband, Juristen und eine Hundepsychologin anwesend. Eine Streichung der Rasseliste (§ 2 Abs. 2 NÖ Hundehaltegesetz) wurde von den geladenen Experten sehr wohl diskutiert, und es herrschte so gut wie Einigkeit darüber, dass die Rasseliste mit willkürlich aufgelisteten Hunderassen wirkungslos und wissenschaftlich nicht haltbar ist.

Aber anscheinend weigert sich die ÖVP NÖ trotz zahlreicher Expertenmeinungen und Studien, die Realität anzuerkennen, dass die Gefährlichkeit eines Hundes nicht an seiner Rasse festzumachen ist, sondern dass es stets nur das einzelne Tier ist, welches als gefährlich eingestuft werden kann.

Die Argumente, dass die Zahl der Hundebisse in NÖ gestiegen ist, und deshalb Handlungsbedarf bestehe, basieren auf irreführenden Angaben. Die 3600 Hundebisse und die Erhöhung um 600 seit 2015 beziehen sich auf ganz Österreich. Eine Statistik für NÖ kann man nirgendwo finden.

Wenn man schon Auswertungen von 2017, die ganz Österreich betreffen, offensichtlich liegen bis dato noch keine Zahlen von 2018 vor, dann müssen diese auch genau aufgeschlüsselt werden.

Im Jahr 2017 waren in Österreich 700.000 Hunde gemeldet.

3600 dieser 700 000 Hunde wurden durch Attacken (Bisse, Kratzer, etc.) auffällig. Das sind 0,5% aller in Österreich gemeldeten Hunde.

99,5% waren daher nicht auffällig.

Von den oben genannten 3600 Unfällen mit Hunden aller Rassen und Mischlinge, entfallen 612 auf Kinder im Alter von 0 - 14 Jahre. Das ergibt 17% österreichweit.

2017 wurden lt. Kuratorium für Verkehrssicherheit österreichweit 123.500 Kinder verletzt. 20 davon tödlich (Freizeit, Haushalt, Verkehr,..). Kein tödlicher Unfall durch einen Hund.

Von diesen 123.500 Kindern, gehen 612 Unfälle auf das Konto mit Hunden aller Rassen, also weniger als 0,5%.

Wie eine Statistik aufzeigt, gibt es in Wien seit 2014, also in einem Zeitraum von 5 Jahren, ca. 600 Bissvorfälle, das sind 120 pro Jahr. Davon 16% von Listenhunden = 20 Bisse pro Jahr aufgeteilt auf die 12 gelisteten Rassen und deren Kreuzungen.

Es steht ausser Frage, jeder Unfall, bei dem durch einen Hund ein Mensch zu Schaden kommt, ist einer zuviel. Wenn man sich die oben angeführte Statistik nun vor Augen führt, dann kommt Unfällen mit Hunden aber generell eine sehr kleine Bedeutung zu.

Die Zahlen über Beissvorfälle mit sogenannten Listenhunden stehen in keiner Relevanz zu den Diskriminierungen und Anfeindungen, denen diese Hundehalter durch die Aufrechterhaltung der Rasseliste im § 2 Abs. 2 ausgesetzt sind. Eine gesetzliche Regelung für auffällige Hunde ist mit § 3 ohnehin gegeben.

Es stösst auf Unverständnis, dass sich die Rechtssprechung gegenüber den Erkenntnissen von 1997 deutlich unterscheidet, und der VfGH im Jahr 2011 nicht mehr darauf drängt, dass die rassespezifisch vermutete Gefährlichkeit auch durch wissenschaftliche Grundlagen untermauert wird.

Wenn der VfGH der Meinung ist, (....dass die in § 2 Abs. 2 leg. cit. enthaltene Aufzählung von Hunderassen, bei denen der Gesetzgeber ein erhöhtes Gefährdungspotential vermutet, nicht unsachlich ist, weil diese Hunderassen allesamt von der Bevölkerung als "Kampfhunde" wahrgenommen werden ....) dann sollte dieses vermutete Gefährdungspotential wissenschaftlich bestätigt werden. Weiters muss auch die Frage erlaubt sein, welche Umstände dazu geführt haben, dass bestimmte Hunderassen in der Bevölkerung als "Kampfhunde" wahrgenommen werden. Medial wird seit Jahrzehnten das Wort "Kampfhund" missbräuchlich verwendet, und über gleiche Unfälle mit Hunden, je nach Hunderasse, ungleich berichtet. Damit wird in der Bevölkerung Angst vor bestimmten Hunden geschürt, und von der Politik durch Einführung und Aufrechterhaltung von Rasselisten nochmal bestätigt.

(....und weil der Einteilung in Hunderassen im Hinblick auf die Häufigkeit der Verursachung von Hundebissen eine relevante Bedeutung zukommt....) wäre der Gesetzgeber gefordert, eine genaue Statistik über Unfälle mit Hunden, unter Berücksichtigung der Hunderasse, Populationsdichte dieser Rasse, jeweilige Situation der Hundehaltung, Unfallhergang, Unfallursachen, Unfallort, vorangegangene Vorfälle, etc..., zu erstellen, um daraus zu ermitteln, ob es Hunderassen gibt, die im Vergleich zu Population und Unfälle mit dieser Hunderasse, in einem auffälligen Verhältnis stehen. Das wäre unbedingt erforderlich, um eine bestehende Rasseliste in bestimmten Zeitabständen evaluieren zu können.

Es ist mehr als unverständlich, dass im § 2, Abs. 2 des NÖ Hundehaltegesetzes mit dem Staffordshire Bullterrier zumindest eine Hunderasse angeführt ist, die bis heute an keinem Unfall beteiligt war!!

Mit freundlichen Grüßen
Der Vorstand
des Österreichischen Staffordshire Bullterrier Club


(erging per email an:
Landeshauptfrau Mag. Johanna Mikl-Leitner und alle Mitglieder der NÖ-Landesregierung
sowie an alle Abgeordneten des NÖ-Landtages)